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Hermann Kesten :Stationen
Berlin
Berlin 1928-1933

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Die Genies werden meist in der Provinz geboren und in der Metropole entdeckt.
Hermann Kesten

Zu Beginn des Jahres 1928 zieht die Familie Kesten endgültig von Nürnberg nach Berlin. Der Grund: Der Kiepenheuer-Verlag hat Hermann Kesten eine Stelle als Lektor angeboten. Doch Kesten ist nicht begeistert. Die Offerte scheint für den mittellosen Autor zwar finanziell interessant, aber sie passt nicht zu seinem Selbstverständnis als Dramatiker und Romancier.
Auch vor Ort, in Berlin, kann er sich mit dieser Rolle, wie auch mit Berlin und der Berliner Szene, den Berliner Literaturpotentaten und der Schickeria nicht anfreunden. Nach fast einem Jahr Aufenthalt schreibt er 1929, ihn langweile Berlin, er sehne sich nach Paris. Ernsthaft befreundet ist er nur mit wenigen Literaten, darunter der Dresdner Erich Kästner und der Galizier Joseph Roth. Er hängt immer noch an seinen alten Nürnberger Schulfreunden, wie Hans Hahn und Karl Beisler, mit denen er größere Reisen plant. Die Erlebnisse früherer Auslandsreisen nach Paris und Nordafrika fließen ebenso wie seine Beobachtungen im Kiez-Café in Berlin in die Romane Glückliche Menschen (1931) und Der Scharlatan (1932) ein. Sein Roman Der Gerechte, den er in Berlin 1933 beginnt und im Exil zu Ende schreibt, spielt nicht in der Großstadt, sondern auf dem Land in Franken.

Trotz der Misserfolge seiner Stücke schreibt Kesten in seiner Berliner Zeit vier Dramen, eines davon, Wunder in Amerika (1931), zusammen mit Ernst Toller. Eine andere Koproduktion mit Erich Kästner bleibt ohne Ergebnis. Neben dem Schreiben übersetzt er mit seiner Schwester Gina Werke mehrerer französischer Autoren, darunter Julien Green, Henry Michaux und Jules Romains.

Als Lektor und Herausgeber ist der junge Kesten ebenfalls produktiv. Er entdeckt für den Kiepenheuer Verlag junge, unbekannte Autoren, gewinnt aber auch renommierte Schriftsteller. Innerhalb von fünf Jahren, der Zeit zwischen Mitte 1928 und Anfang 1933, ist aus dem Novellisten und jungen Dramatiker aus Nürnberg eine Respektsperson des Berliner Literaturlebens geworden.

Die Machtergreifung der Nazis setzt seiner Karriere im März 1933 ein jähes Ende. Er muss ins Ausland flüchten. Erst als fast 50jähriger, nach sechzehn Jahren Exil, wird er das zerstörte Deutschland wieder betreten.