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Hermann Kesten :Stationen
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Nürnberg 1904-1928

Judentum in Nürnberg

Man mag sich fragen, warum die Kestens 1904 Galizien verlassen und nach Nürnberg ziehen. Grund ihres Wegzugs ist wie für so viele andere Ostjuden die wirtschaftliche Misere in der Heimat: Die Auswanderungswelle aus Osteuropa erreicht in den Jahren 1903 bis 1906 ihren Höhepunkt.
Und warum ausgerechnet Nürnberg? Nürnberg war im Laufe des 19. Jahrhunderts zum florierenden Handelsplatz avanciert und seit der Aufhebung des Niederlassungsverbots (1850) für Juden hatte sich ein starkes jüdisches Besitz- und Bildungsbürgertum formiert. Die jüdischen Bürger hatten sich gut integriert und besetzten wichtige Positionen im wirtschaftlichen und politischen Leben. Hier seien nur einige Namen genannt: Bankhaus Anton Kohn, die Familie Bing, der Stadtrat Dr. Süßheim und der Chefredakteur der Fränkischen Tagespost und Reichstagsabgeordnete Dr. Adolf Braun.

Bayern betreibt keine grundsätzlich andere Politik gegenüber ausländischen Juden als die anderen deutschen Länder. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs ändert sich die Situation aber radikal: Bayern wird zum Vorreiter der antisemitischen Bewegung. Der Antisemitismus baut darauf auf, dass linksgerichtete Juden wie Kurt Eisner und Rosa Luxemburg eine wichtige Rolle bei der Revolution von 1918/19 spielten.

Zum andern richtet sich die antijüdische Hetze vor allem gegen die Ostjuden, die jetzt in großen Emigrationswellen aus Osteuropa nach Deutschland kommen. Stereotypisch stellt man sich unter Ostjuden Männer im Kaftan vor, mit Schläfenlöckchen, langem Bart und schwarzem Hut. Gegenüber den assimilierten "Westjuden" gelten sie als rückständig und ungebildet und außerdem sind sie arm.

Die ostjüdischen Emigranten haben kaum eine Chance auf Einbürgerung und sind ständig von einer Ausweisung bedroht. 1923 - übrigens das Jahr, als Kesten sein Studium abbricht - erreicht die Ausweisungskampagne gegen Ostjuden ihren Höhepunkt, und Überfälle auf jüdische Bürger sind an der Tagesordnung.

Das Jahr 1923 markiert auch in Nürnberg eine entscheidende Wende. In diesem Jahr erscheint zum ersten Mal das antisemitische Hetzblatt "Der Stürmer", das bald über die Grenzen eine traurige Berühmtheit erlangt. Der Herausgeber Julius Streicher hetzt die Bevölkerung vor allem gegen die galizischen Juden auf: "Während sich die Nürnberger draußen im Felde schlugen und ihre Familien in Jammer und Elend sich absorgen mußten, kamen die Galizier mit 'Sack und Pack' in die männerlos gewordene Stadt herein und fingen an, die Wohnungen zu besetzen, in welche die Krieger zurückkehren sollten."

(Der Stürmer, Nr. 17, 1923)

Die Nationalsozialisten fordern wiederholt die Ausweisung der ostjüdischen Bevölkerung. Oberbürgermeister Luppe hält sich streng an die Rechtstaatlichkeit und kämpft eisern gegen die rechtsextremistischen Gruppen an. So kann er bis zum Jahr 1933 größeres Unrecht gegenüber jüdischen Bürgern verhindern.