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Nürnberg > Werk > Joseph sucht die Freiheit
Nürnberg 1904-1928

Joseph sucht die Freiheit

"Was geschieht in diesem Buch? Ein Junge versteckt sich an seinem dreizehnten Geburtstag in einer Nische des Wohnzimmers und lernt, wie man zu sagen pflegt, das Leben kennen. Der Kursus dauert nur ein paar Stunden, doch der Stundenplan ist reichhaltig. Der Anschauungsunterricht liefert dem entsetzten Knaben Beispiele aus allen einschlägigen Wissensgebieten. Er beobachtet Lüge, Betrug, Begierde und Erpressung, Feigheit, Haß und Verzweiflung, Promiskuität, Diebstahl, Ehebruch, Verhaftungen und Selbstmord. Erbarmungslos enthüllt sich dem Knaben die Epoche. Schonungslos enthüllt sich die Familie. Schamlos enthüllt sich der Onkel, der noch nur noch lebte, weil er noch nicht tot war. Nackt umarmt die Mutter einen Fremden. Die Nachkriegszeit zeigt nicht nur, sie demonstriert Ihre Blöße."(Horst Bienek (Hg.): Hommage á Hermann Kesten, S. 100)

Die Anregung einen Roman zu schreiben, gibt 1927 der Freund Fritz Landshoff, Mitbesitzer des Kiepenheuer-Verlags in Berlin-Potsdam: "Dann ging er mit mir essen, bei Kempinski, und fragte mich beim Kaffee, ob ich nicht einen Roman schreiben möchte, der Verlag werde meine Novellen drucken, aber natürlich verspreche das Debüt eines neuen Prosa-Autors mit einem Roman größeren Erfolg."("Ich hatte Glück mit den Menschen", (Hg.) Wolfgang Buhl/ Ulf von Dewitz, S. 11)

Kesten hält zunächst wenig von dieser Idee, macht sich aber doch ans Werk.

Überredet
Der Weg zum ersten Roman
"Haben Sie nicht Lust, einen Roman zu schreiben?" fragte er. Nie werde ich einen Roman schreiben. Mich empörte die Zumutung ...weiter
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Der Roman findet nicht nur bei den Literaturkritikern Beachtung. Kesten gilt als hoffungsvoller Vertreter der so genannten Nachkriegsgeneration und wird zunächst der Neuen Sachlichkeit zugeordnet. Jean Amery beschreibt, wie Kestens Erstlingswerk 1928 beim Leser ankam: "Das Buch, ein Roman der Pubertät und zugleich eine Auseinandersetzung des Verfassers mit dem kleinbürgerlichen Milieu erregte Aufsehen durch seine unerhörte Kühnheit: unerhört für die damaligen Begriffe, versteht sich. Die in diesem Sinne gewagtesten Szenen sind jene, bei denen der Knirps seiner jungen und hübschen Mutter beim Beischlaf zusieht, ohne besonderen Ekel übrigens, auch ohne daß man das Gefühl hat, es müsse hier ein nicht wieder gutzumachendes ödipales Trauma im Kinde bewirkt worden sein.
Nun versetze man sich ins Jahr 1927 zurück, in dem das Buch herauskam. Die Mutter treibt es da, und nicht nur mit einem Manne, und nicht mit dem legitim angetrauten! Man fand dies skandalös im höchsten Maße[...]"
(Jean Amery: Bücher aus der Jugend unserer Jahrhunderts, S. 77-79)