"Junger Mann! Wollen Sie andeuten, in meiner Familie gehe es schlimmer zu als in Ihrer Familie? Oder in anderen guten Familien? Haben Sie nie Geschichte und Literatur studiert? Nie in der Schule von einer gewissen Iphigenie gehört? Das arme Kind ward zu Aulis vom eigenen Vater aus propagandistischen und religiösen Motiven geopfert. Und kennen Sie ihre Familie? Iphigeniens Urgroßvater Tantalus servierte seinen eigenen Sohn Pelops den Göttern zum Mahle, um sie auf die Probe zu stellen; er büßte es im Tartarus. Der Großvater Atreus, ein König von Mykene, rächte sich an seinem Bruder Thyestes. Indem er dessen Söhne tranchierte und dem Vater zum Mahle servierte; dafür tötete in sein Neffe Aegisthes. Die Mutter Klytämnestra erschlug mit Hilfe ihres Liebhabers Aegisthes ihren Mann Agamemnon im Bad nach dessen glücklicher Heimkehr vom Trojanischen Krieg. Der Onkel Menelaus war ein Hahnrei, der, um seine Hörner zu rächen, den Trojanischen Krieg entflammte. Ihre Tante Helena war die hübscheste Hure der Welt. Ihr Bruder Orestes war ein Muttermörder. Und ihre Schwester Elektra dessen Helfershelferin. Und doch stammte Iphigenia aus bester Familie, von hochbeliebten Atriden. Und lasen Sie nie die Bibel von Loth und seinen Töchtern? Und lasen Sie nicht kürzlich in der Zeitung vom Prozeß Laval, ich meine den Metzger Aristide Laval aus Juan-les-Pins, der seine Töchter jeweils an ihrem siebzehnten Geburtstag geschlachtet, zerlegt, durch seine Wurstmaschine getrieben hat als Charcuteriewaren in seinem Laden verkauft hat, die drei letzten armen Mädchen sogar auf dem schwarzen Markt?
Wer kennt die Menschen und mutet ihnen nicht alles zu, jede selbstlose Tat und jedes Verbrechen? Wenn ein Mensch es nur wagt, intim mit sich selber bekanntzuwerden, muss es ihm vor sich grausen und zugleich mag er sich bewundern. Schreiben Sie mal, ohne zu lügen, einen Tag lang alles auf, was Ihnen durch den Kopf geht, geheime Begierden, Erinnerungen, Vorstellungen und was Sie sagen, denken, tun und hören, Sie könnten ein ganzes Buch damit anfüllen und es wird erbaulich und entsetzlich sein."

(Die fremden Götter, S. 91 f.)