Meine ersten Erinnerungen? Ich bin etwa drei Jahre alt. Ich renne über die Straße zu meinem Großvater. Sein zweigeteilter Bart verdeckt nicht sein gescheites Lächeln. Ich strecke meine winzige Hand zu ihm empor. Er reicht mir eine Münze. Ich laufe zum Krämerladen am Ende einer strahlenden, vom Sommer blauen Straße, renne mit einer Lakritzstange zum Großvater zurück, falle, sehe den Huf eines Pferdes über mir, Wagenräder vor mir, der Kutscher schreit und stemmt das Pferd, das sich aufbäumt. Mein Großvater trägt mich weg, mit der einen Hand halte ich mich fest an seinem Bart, mit der anderen die Lakritzstange fest. Liebe ich so entschlossen die Süßigkeit des Lebens?
(Hermann Kesten: Mit Menschen leben, S. 29-30)