Ich führe den Leser in ein einsames, trauriges, wenig von Reisenden besuchtes, von der Geschichte vergessenes Land …

Karl Emil Franzos

Am 28. Januar 1900 wurde Hermann Chaim Kesten als Sohn jüdischer Eltern in Podwoloczyska, einer Kleinstadt in Ostgalizien, geboren. Vier Jahre später zog die Familie, Staatsbürger der k.& k. Monarchie, gen Westen, um sich in Nürnberg niederzulassen.

Podwoloczyska, Grenzort zum Zarenreich mit überwiegend jüdischer Bevölkerung, war einer der wenigen Orte, der sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem bedeutenden Handelsplatz und einem kulturellen Zentrum jüdischen Lebens entwickeln konnte. Mit dem Ausbruch des 1. Weltkriegs begann der Niedergang des Städtchens. Zunächst litten vor allem die ansässigen Juden unter den schwelenden Machtkämpfen zwischen Österreich, Polen, Russland und ukrainischen Nationalisten. Später dann – im Verlauf des Russlandfeldzugs – sorgten SS-Gruppen und die deutsche Wehrmacht für die nahezu völlige Auslöschung der ostjüdischen Kultur.

Kesten hat sich nie mit dem Ostjudentum identifiziert, vielmehr hat er zeitlebens versucht, seinen wahren Geburtsort zu verheimlichen.

Deutscher und Ausländer

Wechselnde Staatsbürgerschaft

Kesten wurde ständig mit seinem Geburtsort Podwoloczyska konfrontiert. Die Landeszugehörigkeit des Grenzortes wechselte zwischen 1914 und 1945 mehrfach, je nach Ausgang der territorialen Machtkämpfe in Osteuropa. Die Familie Kesten, die sich in der Heimatgemeinde ein Wohnrecht erhalten hatte, teilte dieses Schicksal. So war Hermann Kesten nacheinander Österreicher, Pole, Russe, Ukrainer und erneut Pole.
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Kesten wurde ständig mit seinem Geburtsort Podwoloczyska konfrontiert. Die Landeszugehörigkeit des Grenzortes wechselte zwischen 1914 und 1945 mehrfach, je nach Ausgang der territorialen Machtkämpfe in Osteuropa. Die Familie Kesten, die sich in der Heimatgemeinde ein Wohnrecht erhalten hatte, teilte dieses Schicksal. So war Hermann Kesten nacheinander Österreicher, Pole, Russe, Ukrainer und erneut Pole.

Die nach 1928 erworbene deutsche Staatsangehörigkeit verlor er 1933 nach der Emigration und war von da an staatenlos. 1949 erwarb er die amerikanische Staatsbürgerschaft und behielt diese bis zu seinem Lebensende.

Schon als Schüler war Kesten überzeugt, dass er ein Dramatiker deutscher Sprache werden wollte. Als er als Student versuchte, an einem Dramenwettbewerb teilzunehmen, waren ihm der Ruf als Ausländer und die wechselnden Staatsbürgerschaften nur hinderlich.

“Anbei sende ich Dir einen Zeitungsausschnitt aus der Frankfurter Zeitung. […] Das wäre ja wohl eine Gelegenheit für einen jungen unbekannten Dramendichter, der sich einen Namen verschaffen will. […] Auch ich würde da in Konkurrenz treten, doch glaube ich als Ausländer nicht zugelassen zu werden.”

“Ich hatte Glück mit den Menschen”,
(Hg.) Wolfgang Buhl/ Ulf von Dewitz, S. 154

Anders als bei dem in Galizien aufgewachsenen Literaten und engen Freund Joseph Roth fand das Schicksal der Ostjuden in Kestens Werk keinen Niederschlag.

Literaturliste Galizien

Pollack, Martin: Nach Galizien. Von Chassiden, Huzulen, Polen und Ruthenen. Wien (Brandstätter) 1984

Pollack, Martin: Galizien. Eine Reise durch die verschwundene Welt Ostgaliziens und der Bukowina. Ffm/ Leipzig (Insel) 2001

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Pollack, Martin: Nach Galizien. Von Chassiden, Huzulen, Polen und Ruthenen. Wien (Brandstätter) 1984

Pollack, Martin: Galizien. Eine Reise durch die verschwundene Welt Ostgaliziens und der Bukowina. Ffm/ Leipzig (Insel) 2001

Röskau-Rydel, Isabel (Hg.): Deutsche Geschichte im Osten Europas. Galizien. Berlin (Siedler) 1999

Brayer, Dov/ Levinson, Zunyu (Ed.): The Story of Podwoloczyska. A Ukrainian Town on Russian Border. Kfar Sava (o.J.) http://www.jewishgen.org/yizkor/podvolochisk/podvolochisk.html#toc

Sandkühler, Thomas: “Endlösung” in Galizien. Der Judenmord in Ostpolen und die Rettungsinitiativen von Berthold Beitz 1941-1944. Bonn (Dietz) 1996.

Kilcher, Andreas (Hg.): Metzler Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur. Jüdische Autorinnen und Autoren deutscher Sprache von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Stuttgart/ Weimar (Metzler) 2000.

Kaszynski, Stefan H.: Der jüdische Anteil an der Literatur in und über Galizien, In: Mark H. Gelber (Hg.) Von Franzos zu Canetti. Tübingen (Niemeyer) 1996, S. 129-140.

Grimm, Gunter E./ Bayerdörfer, Hans-Peter (Hg.): Im Zeichen Hiobs. Jüdische Schriftsteller und deutsche Literatur im 20. Jahrhundert. Frankfurt (Athenäum) 1986.

Moses, Stéphane Moses/ Schöne, Albrecht (Hg.): Juden in der deutschen Literatur. Ein deutsch-israelisches Symposium. Ffm (Suhrkamp) 1986.

Franzos, Karl-Emil: Halbasien. Kulturbilder aus Galizien, Südrußland, der Bukowina und Rumänien. Stuttgart/ Berlin (Cotta) 1914

Roth, Joseph: Reise durch Galizien. In: Roth: Werke. Hg. von Hermann Kesten. Köln (Kiepenheuer) 1975

Dewitz von, Ulf: Herkunft – Kindheit -Jugend. Podwolotschiska oder: “Ein Nest in Galizien”. In: “Ich hatte Glück mit Menschen.” Zum 100. Geburtstag des Dichters Hermann Kesten. Texte von und über ihn. Hg. von Wolfgang Buhl und Ulf von Dewitz. Nürnberg: Stadtbibliothek Nürnberg, 2000, S. 25-54.